Die neue Sonderausstellung: Van Kuckucksdün bis Sumatra

Spuren der Vergangenheit

Flurnamen sind geografische Bezeichnungen, die von den Einheimischen geprägt und oft ohne schriftliche Fixierung im örtlichen Sprachgebrauch weitergegeben wurden. Sie teilen das Gelände ein und tragen zur Orientierung bei. Die enorme Vielfalt hat großen Zeugniswert als Kulturgut – und ist selbst einem steten Wandel unterworfen. Die Entstehung der Baltrumer Flurnamen wurde geprägt von Dünen, Wasserläufen, Wegen, (Familien-)Namen, Ereignissen, Gewohnheiten und Besitzverhältnissen der Inselbevölkerung. Sie zeugen von der Geschichte und vor allem auch dem Wandel der Insel. Die Liste ist erstaunlich lang. Interessant sind alte Karten, auf denen die Flurnamen eingezeichnet sind, und alte Fotos oder Luftaufnahmen, auf denen die Veränderungen in den letzten hundert Jahren zu erkennen sind.

Auch beim genauen Hinschauen erkennen wir die Spuren der Vergangenheit, Narben, die hier auf der Insel von den gewaltigen Sturmfluten und den Anstrengungen des Küstenschutzes zeugen, wie oben beim Blick aus dem Nationalpark-Haus: Der Schwung in der Weide zeichnet den alten Gleisweg von der Reede in Richtung Strandmauer nach. An anderer Stelle macht die Vegetation alte Pfade sichtbar, oder es zeugen Hausnamen von früheren Dünen, Gärten oder Schiffen. Und schließlich gibt es doch so etwas wie Straßennamen, auch wenn sie nicht offiziell sind und dem Postboten nicht helfen.

Dün, Düne, Padd, Pfad, Busch, Gebüsch, Poller, Polder, Plat, Platte… diese Begriffe können wir ableiten, doch was bedeuten die anderen Namen? Hook bezeichnet ein Eck, eine Schleng war ein Sandfang zur Befestigung des Hellers nach den großen Sturmfluten 1717 und 1825, ein Tun (Tuun, Thun) ist ein Garten in den Dünen, Stä (oder Stee) eine Stelle, Rä (oder Ree) die Reede… Man muss sich vorstellen, dass es hier früher keine befestigten Wege zur Orientierung gab und Dünen, Sandbänke, Schloote und Priele viel größeren Veränderungen unterworfen waren als heute.

Nicht zuletzt sind die kleinen und großen historisch verbrieften Ereignisse im Flurnamengedächtnis aufspürbar: die Kneckucksdün, die einen alten Friedhof unter sich begraben hat, das Timmermanngatt, das an den Durchbruch der Insel nach den großen Sturmfluten erinnert, die Batterie aus der Franzosenzeit, das Alte Pfahlschutzwerk aus den Anfängen des Inselschutzes, der Doodpahl als Zeugnis einer Tragödie im Watt, Hirt sien Dün aus den Tagen, als noch Vieh gehalten wurde, Meyers Grasstee, wo so gerne geschöfelt wurde, der Tina-Meta-Schloot für ein besonderes Schiff…

Und Baltrum hat doch Straßennamen!

Die Baltrumer Häuser wurden bei der Erstkartierung von West nach Ost durchnummeriert (N° 1 – N° 32; Urkataster 1874) und dann chronologisch beziffert (ab N° 33). Als der Tourismus in Schwung kam, gaben die Einheimischen ihren Häusern schöne Namen. Post und Internet setzen in jüngster Zeit Straßennamen voraus: Mit „Westdorf“ und „Ostdorf“ ist es auf Baltrum getan, dafür muss es reichen. Der eine oder andere Straßen-, na ja, Wegename hat sich jedoch aus alter Zeit gerettet und neue haben sich eingebürgert. Sie sind ein schönes Beispiel dafür, wie Orte sich verändern und wie Dörfer dem Wandel unterworfen sind, besonders wenn sie auf Sand gebaut sind: Wester Spoor, Süderpadd, Meyers Sluurpadd, Norderpadd, Hauptstraße!, Roter Platz, D-Straße, Ostdorfer Weg, Hellerstraße, Feldmannmeile, Katastrophenweg, Gezeitenpfad! Titanicnase.
Im Osten werden nicht nur die Bezeichnungen lichter, hohe Dünen, feuchte Täler, tiefe Schloote, Grasstellen, Gehölze, Seehundsbänke liegen Richtung Ostspitze…
„Nach Sumatra“ – so haben die Alten irgendwann das Ostende der Insel Baltrum genannt…

Vielleicht, weil es so weit weg war?
Genaues weiß man nicht!

Die neue Ausstellung des Heimatvereins widmet sich den Baltrumer Flur- und Wegenamen und führt von West nach Ost in kleinen Zickzackschlenkern einmal über die Insel. Die Ostfriesische Landschaft in Aurich hat dazu inspiriert, denn sie hat ein grandioses Flurnamenverzeichnis für Ostfriesland erstellt, an dem viele Menschen beteiligt sind (https://flurnamen-ostfriesland.de/). Das Sammeln der Namen kann ebenso zur Leidenschaft werden wie das Aufspüren der Geschichte(n) dahinter. Somit ist dieses Projekt nicht abgeschlossen und fordert auf, mitzumachen. Die wissenschaftliche Bewertung und Ausdeutung sei hernach getrost den Historikerinnen und Historikern überlassen. Die Baltrumer Ausstellung möge Anreiz sein zur kritischen Auseinandersetzung mit den vorhandenen Materialien und Quellen.
Für Gäste der Insel ist dieser kleine Rundgang sicher ein schöner Beitrag zum Verständnis der Baltrumer Strukturen. Und gewiss gibt es auch in den Heimatorten der Besucherinnen und Besucher alte Flurnamen, aus denen es die Geheimnisse der Geschichte ans Licht zu holen lohnt.


Sabine Hinrichs
Simone Ulrichs
Baltrum, im März 2021
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